Menschenbild

Eine Kastanie hat keine Wahl, was aus ihr wird. Denn im Augenblick ihrer "Geburt" ist in ihr der vollständig entfaltete Baum als Idee, als Urbild, bereits anwesend. Findet sie die notwendigen Voraussetzungen vor, beginnt sie zu keimen und kennt fortan nur noch ein einziges Streben, nämlich zu jenem vollendeten Kastanienbaum heranzuwachen, der in ihr "wohnt". Sie mag von etwas anderem träumen, etwa lieber ein Kirschbaum zu werden, und sich darum auch bemühen, weil das eher ihrem Selbstbild entspricht. Aber sie ist und bleibt eine Kastanie. Verweigert sie sich dem, behindert sie ihr Wachstum und wird nur einen Teil dessen verwirklichen, was sie eigentlich sein kann. Statt eines großen, prächtigen Baumes entsteht dann wahrscheinlich nur ein ... Bonsai.

 

Bei uns Menschen ist das ähnlich. Auch unsere Entwicklung wird von zwei grundlegenden Triebkräften bestimmt: Vom Urbild dessen, was in uns angelegt ist und zur Entfaltung drängt, und von unserem Selbstbild - dem Bild dessen, wofür wir uns halten oder was wir gern sein möchten. 


Wurzelt das Selbstbild eines Menschen in der eigenen tiefen Wahrheit, dem Urbild des eigenen Seins, und wird aus dieser Wahrheit genährt, ist alles in (der) Ordnung. Dann ist der Mensch im Strom der Schöpfung zu Hause und lebt  jeden Augenblick seines Daseins mit Begeisterung und Hingabe an das, was durch ihn auf dieser Erde seinen Ausdruck finden möchte. Es lebt durch ihn (hindurch) ...

  

Aber die Existenz der meisten von uns sieht anders aus. Statt unsere Lebensaufgabe zu finden und zu leben, also unserem Urbild zu folgen, sind wir mit einem wesensfremden Selbstbild identifiziert - einem vielschichtiges Gewebe aus teils bewußten, oft nur erahnten, überwiegend aber vollständig im Dunkeln wirkenden Wertvorstellungen, Glaubenssätzen, Einschätzungen, Gedankenmustern und Prägungen verschiedenster Art und Weise, die wir uns (fast immer) im Außen "geliehen" haben, um Maßstäbe und Orientierung zu finden in einer scheinbar uferlosen Welt.

 


Die Folge davon ist, daß wir das Leben anderer führen - in der Regel ohne es (zunächst) zu merken. Das endet in Sackgassen, weil dadurch das Urbild "vergraben" und die eigene Identität verleugnet wird. Auf den Wegen fremder Daseinsentwürfe zu wandeln, entfaltet früher oder später einen Kosmos fortwährender Konflikte und Verwerfungen. Und es entsteht früher oder später das Gefühl der Sinnlosigkeit eigenen Tuns und des Getrennt-Seins von sich und der Welt. Langeweile, Lebensunlust, Angst, Verzweiflung, Kontrollsucht, (Selbst)Unterdrückung, Aggressivität gegen sich und andere und vieles mehr und schließlich womöglich Erkrankung und Verfall sind das "Ergebnis" dieser Ver-(nicht Ent-)wicklung.

 

Aber Wandel ist möglich. Jederzeit. Schattenforschung geht davon aus, daß jeder Mensch sein in der eigenen Unbewußtheit verborgenes, vollkommenes Urbild (wieder)entdecken und zur Quelle seines Lebens werden lassen kann. Alles, was es dafür braucht, ist der Entschluß, sich auf diesen Pfad zu begeben, und loszugehen. Dann findet es sich. Auch liebevolle Begleiter des Weges. Und Heilung in der ursprünglichen Bedeutung des Wortes wird möglich.